Stadttheater Giessen
    Viele Koffer voller Erinnerungen

    Stadttheater Gießen zeigt Kinderstück »Die Reise einer Wolke« auf der TiL-Studiobühne

    Viele Koffer voller Erinnerungen

    Stadttheater Gießen zeigt Kinderstück »Die Reise einer Wolke« auf der TiL-Studiobühne

    »Ich schau den weißen Wolken nach und fange an zu träumen.« Es mag unüblich sein, den Bericht über ein Kinderstück des Stadttheaters mit dem deutschen Text eines griechischen Schlagers zu beginnen; aber treffender kann man den Inhalt von »Die Reise einer Wolke« von Roberto Frabetti nicht beschreiben. Man gerät ins Träumen, ins Schwärmen, und die Fantasie wird in einer Weise angeregt, dass man wie bei all diesen Produktionen immer nur wieder sagen muss: Zwar ist es eine Aufführung für Kinder ab drei Jahren, aber auch die Erwachsenen kommen voll auf ihre Kosten. Derart anregend ist das Geschehen, für das es nur einen Darsteller braucht.

    Worum geht es? Ein Dienstmann, im Voraustext Bahnschaffner genannt, verschläft auf einem Bahnsteig mit einem Berg von Koffern einen Zug und gerät über eine Kindergeschichte in einen Dialog mit einer Wolke und deren Erinnerungen. Eine Reise durch die Klimazonen dieser Welt beginnt, aber das klingt viel zu theoretisch, denn diese Reise schöpft aus den Inhalten der Koffer, die sich flugs verwandeln und aus Alltagsgegenständen Tiere und Pflanzen werden lassen.

    Da spielt Rasierschaum ebenso eine Rolle wie ein Bettbezug, der mit der weißen Seite eine Schönwetterwolke ist und mit der inneren braunen eben eine, aus der es regnet. Da entsteht aus roten Büchern und verschiedenfarbigen Socken eine kleine Dorfwelt, eine Banane ersetzt den Mond, Kokosnüsse werden zu Affen, und allerlei anderes Obst wird zu Kamelen, Schlangen oder Kängurus. Ein durstiges Kissen-Schwein trinkt einen Fluss leer, der ein langer Schal ist, eine blaue Mülltonne wird zum Meer, und Sand aus einer Glastrommel zur Wüste.

    Regisseur Jörn-Udo Kortmann der an derselben Stelle schon einen Fabretti inszenierte, nämlich »Abenteuer im Kühlschrank«, hat den Reiz der Vorlage voll erfasst und umgesetzt, und Ausstatter Bernhard Niechotz steht ihm toll zur Seite: ein Bahnsteig mit der Anzeige einer Gießkanne, was auf Gießen deuten soll, und ganz urigen Koffern, aus denen das spielerische Material nur so herausquillt.

    Der Mann, der das eine unterhaltsame Dreiviertelstunde lang stemmt, ist Roman Kurtz, und der verausgabt sich nach allen Regeln der Kunst. Da sind etwa clowneske Elemente und treffende Tierimitationen. Kurtz sucht den Kontakt zum ganz jungen Publikum, die Dialoge des Kindes mit der Wolke legt er rührend an, und er ist körperlich ungemein wendig.

    Insgesamt beweist Kurtz wieder einmal die alte Theaterweisheit, dass für die Kleinen das Beste gerade gut genug ist. Eine Inszenierung, die für die ganze Familie zu empfehlen ist.
    Hans-Peter Gumtz, Gießener Allgemeine, 01.09.2009